Auf Harry Gelbs Karte fehlt Zürich noch. In vielen anderen Strassen der Welt sind jedoch nummerierte Kacheln – sogenannte «Ghosts» – als Pasteup zu finden. Dank Ivan aka PI99 gelang ein ausführliches Gespräch mit dem StreetArt-Duo.

Ghosts
Auf Reisen – mit viel Enthusiasmus und Pasteups im Rucksack – mussten wir feststellen, dass wir an manchen Orten einfach nichts aufhängen konnten, weil es zu lange gedauert hätte, um es gut zu machen. Dann hatte man noch die Kamera voll mit Fotos. Auch die wollten wir irgendwie in die Strasse bringen. Wir wollten was mit Wiedererkennungswert und etwas, das man so vorher noch nicht gesehen hatte; mit Inhalt und am besten auch noch beständig. Als wir das alles durchgekaut und ausgesprochen hatten, entstand vor zwei Jahren die Idee zu den «Ghosts of ourselves». So nennen wir das Kachel-Projekt.
Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Die erste Kachel hat sofort gehalten, funktioniert und sah auch noch gut aus. Sie heisst Nummer 1 und ist in unserem Bestand, genauso wie Nummer 100, 200, 300 und 400. Die erste war direkt im Polaroid-Format, welches wir heute ausschliesslich verwenden. Es gab ein Versuche mit vier verschiedenen Grössen, davon existieren jeweils vier oder fünf, aber das haben wir eingestellt und auch nicht vor, ein anderes Format zu etablieren.
Mit den Materialien wird auch experimentiert und aussortiert. Es gibt kein konkretes Patentrezept, zumal sie in Uruguay zum Beispiel nicht die gleichen Baustoffe haben wie wir. Dann nimmt man halt, was da ist. Ausserdem ist diese Fehlerhaftigkeit auch gut. Nichts ist langweiliger als Perfektion.

Inhalt
Inhaltlich sind die Ghosts eine Art Social Globalisation Projekt. Ich finde die Vorstellung schön, dass sich jemand in Buenos Aires mitten auf der Strasse ein kleines Stuttgarter Ladengeschäft anguckt und in Stuttgart jemand auf einen Ausriss Argentiniens blickt. Es geht um Vergänglichkeit, um das, was wir sein wollen, was wir hinterlassen oder eben nicht. Um die Absurdität der Ernsthaftigkeit.
Die meisten Fotos zeigen nicht mal Menschen; ihre Existenz ist eher geisterhaft. Man kann sie erahnen und selbst wenn sie direkt im Bild sind, ist das wieder ein Geist ihrer selbst, weil das Bild nur einen kurzen Moment erzählt, der einen Augenblick später vorbei ist. Ein Augenblick, der uns nur die Möglichkeit der Interpretation lässt. Wir müssen unsere Wahrheit selbst erfinden.
Dieser Zwiespalt zwischen Fantasie und Realität ist es, was wir als «Ghosts of ourselves» betiteln.
Das Projekt ist mehrseitig: Es werden nicht nur Ghosts aufgehängt. Gleichzeitig entstehen dort neue Bilder, die an einem ganz anderen Ort der Welt aufgehängt werden und es findet eine Auswahl statt, was wo aufgehängt wird. Am Ende gibt es noch das Wetter und Hammer und Meissel und den Betrachter, dessen Feedback mit seinen ganzen Assoziationen wieder bei uns ankommt.
Es gibt also verschiedene Stadien eines Ghosts und fertig sind sie wohl nie. Nur eben irgendwann weg. Genau wie das, was sie ursprünglich gezeigt haben, wie die Betrachter.
Natürlich bin ich traurig, wenn ich mitbekomme, dass eine Kachel entfernt wurde. Aber wer bin ich, irgendwem was dazu zu sagen? Schliesslich hängen wir ja auch alles ungefragt und illegal auf. Da wäre es schon ziemlich vermessen sich hinzustellen und sich zu beschweren, wenn jemand anderes das tut, was er oder sie für angemessen hält. Es gibt kein richtig oder falsch, kein das ist Kunst und das nicht. Wie gesagt: Es geht um Vergänglichkeit. Klar hätte ich es gerne, dass jeder einzelne Ghost überdauert. Aber die Spiessigkeit einiger Graffitimenschen, die persönlich beleidigt sind und das als Affront gegen ihr absurdes Regelwerk sehen, teile ich definitiv nicht.

Nummern
Die erste Kachel in der Strasse war Nummer 2 und hing am Hochbunker in Berlin Schöneberg, leider ist sie weg. Wir versuchen einen ungefähren Überblick zu behalten, welche noch existieren. Wir schreiben alles auf (naja mehr oder weniger), aber was weg ist wird nicht ersetzt.
Das Phänomen, dass Nummer 492 hängt, Nummer 420 aber nicht, hat damit zu tun, dass wir die Ghosts nicht chronologisch aufhängen. Zum Beispiel hängen wir in Berlin kein Foto von Berlin auf.
Wir reisen viel. Für die Route gibt es allerdings keinen Masterplan. Z.B. war Grottaglie dabei, weil es dort jedes Jahr ein Streetartfestival gibt, auf dem wir zwar nicht mal waren, weil zu früh, aber es gibt trotzdem jede Menge zu sehen. Die Stadt lebt von ihrer Keramikproduktion und unsere Ghosts haben da sehr gut reingepasst. Allerdings waren wir da auch mit Pasteups unterwegs.

Projekte
Das «Ghosts of ourselves»-Projekt ist eins unter mehreren. Malerei war der Ursprung und ist und bleibt Thema, egal ob als Pasteup oder direkt auf der Wand, z.B. ein kleiner roter Sticker mit der Aufschrift «Graffiti». Normalerweise sind sie poetischer.
Es gibt jede Menge Ideen für Projekte mit anderen Materialien. Die Strasse birgt eine wahnsinnig grosse Inspirationsquelle und wenn man erst mal in Dialog getreten ist, wird es schwierig, alles umzusetzen. Zeit ist der Faktor, von dem es einfach nicht genug gibt.

Harry Gelb
Harry Gelb ist kein Kollektiv, wir sind zu zweit. Wir haben uns den Namen von Jörg Fausers Romanhelden gegeben, weil ich es unfassbar finde, wie ein so grossartiger Autor niemals wirklich zu Ruhm gelangen konnte und zeitweise sogar komplett ignoriert wurde (wohl das Zeichen unserer Zeit, dass die Guten die Lucky Loser sind). Ich finde, der Name hat es verdient, weitergetragen zu werden. Die Figur ist natürlich Inspirationsquelle was Wahrheit, ungewöhnliche Blickwinkel, Konsequenz und der simple Hang zur Unbarmherzigkeit gegen sich selbst anbelangt. Harry Gelb sah seine Schreibmaschine als Waffe und sagte in einen einzigen Satz müsse alles rein. Das hat mich beeindruckt, und wenn wir vielleicht auch nicht fähig sind dieses Alles zu erfassen, ist es doch irgendwie Anspruch an unsere Bilder, eine möglichst grosse Projektionsfläche dafür zu bieten. Phantasie sollte doch unser Motor sein. Ich war an vielen Orten, die Harry Gelb in seinen Büchern verarbeitet, aber ich will mich ja nicht mit Jörg Fauser messen, deswegen kann man weder von einer Wiederholung noch von einer Fortsetzung seiner Reisen reden. Sagen wir mal so: Mit seinem Geist im Gepäck gehen wir auf neue Reisen zu neuen Geschichten.

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